Gretha Soll

Gretha Soll ist 45 Jahre alt. Sie unterrichtet Deutsch am Gymnasium in Nordenhaus – seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten. Niemand weiß es genau. Sie sitzt in Konferenzen, korrigiert sorgfältig und hält sich aus allem heraus.
Ihre Kleidung ist sauber, aber farblos: Regenmantel in Beige, Wollpullover in Moosgrün, Hosen in Taupe. Ihre Haare sind dünn und glatt, ihre Brille zu groß, ihr Gang unauffällig. Sie riecht ein wenig nach Tee. Oder nach nichts.
In der Schule gilt sie als eigenwillig, aber zuverlässig. Manchmal sieht man sie mit geschlossenen Augen am Fenster stehen, als würde sie etwas hören, das nicht da ist. Sie spricht wenig über sich.
Was niemand weiß:
Gretha notiert jeden Morgen die Wetterlage in ein kleines Heft. Sie behauptet, es sei für ihre Balkonpflanzen. Sie hat aber keine Balkonpflanzen.
Wenn man sie für ein Lehrerinnenporträt oder eine Schulwebsite filmen muss, zögert sie. Ihre Schultern werden hart. Sie lächelt nicht. Und doch, im Hintergrund, wo der Regen leise auf das Wellblechdach prasselt, sieht Gretha aus, als würde sie gleich verschwinden.
Niemand kennt ihre zweite Wirklichkeit:
die des Stalls, des Regens, der Schweine. Aber tief in ihr, ganz leise, lebt etwas Weiches, Warmes, Schweres – etwas, das leise grunzt, wenn es dunkel wird.
Etwas, das nie gelernt hat, in die Kamera zu sehen.
Stalltagebuch
Schulfragmente vor dem Stall. Jedes Wort riecht nach Heu.
Grethas Rückzug
Ein Haus aus Gedanken. Ein Stall aus Sprache.
Zwischen Schwein und Maske
Man kann nicht in der Erde wühlen und dabei tanzen wollen.
Modderliturgie
Drei Akte der Hingabe. Schlamm sei das Evangelium.

