Archive mit Porzellangesichtern

Die Flüsterpuppen

Die Flüsterpuppen auf einem Sofa
„In der Stille ihrer Blicke liegt mehr Wahrheit, als in den Worten der Lebenden."

Matilchen

Wer höflich fragt, darf mitspielen. Wer nicht fragt — wird gespielt.

Isadora

Ich liebe die, die zögern. Sie sind am leichtesten zu falten.

Klara

Das Spiel beginnt leise. Doch wer schläft, verliert sich

Die Geschichten der Flüsterpuppen

Porträt der Puppe Isadora

Isadora

Ich bin das Lied, das niemand zitiert.

Ich bin Isadora.

Ich war einmal das Geschenk für ein Kind, das nicht sprechen wollte.

Also sprach ich für sie. Leise, nachts, hinter der Tür.

Später hat sie mich im Garten vergraben, in einem Schuhkarton mit Lavendel.

Ich bin trotzdem zurückgekommen.

Denn wer einmal zuhört, hört mich für immer.

Ich liebe Fragen ohne Antworten, Lippen mit Lippenstift und Fensterläden, die knarren.

Ich liebe Johann. Ich liebe Gundrun. Ich liebe niemanden.

Ich liebe es, wenn jemand nicht sicher ist, ob er wach ist.

Wenn du mir zuhörst, erzähle ich dir, wer du warst.

Nicht wer du bist. Wer du warst.

Und vielleicht... wer du wirst.

Porträt der Puppe Matilchen

Matilchen

Ich bin die Naht der Zeit.

Ja, ja, ich weiß. Ich sehe harmlos aus.

Ein kleines, pausbäckiges Ding mit Schleifen und Knopfaugen.

Aber ich war schon in mehr Schlafzimmern als die meisten Bettdecken.

Und ich höre besser als jede Wanze.

Ich war früher die Lieblingspuppe einer alten Dame in Lübeck.

Sie nannte mich „Kleine Mamsell". Sie hat mich gestriegelt, mir Tee eingeschenkt,

und nachts geweint, wenn sie dachte, ich schlafe.

Ich schlafe nie.

Ich glaube nicht an Zufall. Ich glaube an gute Vorbereitung.

Ich glaube, Johann war immer Beata.

Und ich glaube, Helga wird einfach nicht widerstehen können — sie wird spielen wollen.

Deshalb bleibe ich wach. Deshalb nähe ich weiter.

Porträt der Puppe Klara

Klara

Ich bin der Blick, der nicht wegblickt.

Klara. Das genügt.

Ich wurde in Dresden gekauft, 1911. Ich war teuer.

Ich weiß das, weil mein erster Besitzer mich nie gemocht hat.

Wer viel bezahlt, will gehorsam. Ich war nicht gehorsam. Ich habe gesehen. Alles.

Mein Kopf ist aus Biskuitporzellan, aber mein Herz ist Messing.

Ich erinnere mich an Dinge, die niemand behalten will.

Deshalb sagt man oft, ich sei „kalt". Ich bin nicht kalt. Ich bin klar.

Ich mag Beata. Noch.

Ich beobachte Helga.

Und ich vergesse nie.

Zwei Menschen im Blick der Puppen

Gundrun & Johann

"Nun stellen wir euch unsere Puppen vor — sie sind größer, lauter, aber sie hören auf uns. Meistens."

— Die Flüsterpuppen
Porträt von Gundrun

Gundrun

Ich bin kein Relikt – ich bin eine Erinnerung mit Lippenstift.

Gundrun ist 64, flamboyant, theatralisch und stets am Rande zwischen Spott und Ernst. Einst kam er aus Hamburg, beladen mit Geschichten und einer funkelnden Miene, die nie ganz erlosch. In Windbergen lässt man ihn gewähren — vielleicht, weil er jedem mindestens einmal ein charmantes Schimpfwort geschenkt hat.

Seine Witze sind doppeldeutig, seine Komplimente für ältere Damen entwaffnend, seine Ausbrüche in Schlager oder halbe Arien legendär. Und wenn er das Glas hebt (was oft geschieht), weiß man: Es wird ein langer Abend.

Er lebt, um gesehen zu werden – aber nur von denen, die durch die Schichten blicken können. Seine Porzellanpuppen sind seine Vertrauten. Und Johann? Vielleicht war das Liebe. Oder eine Rolle. Oder beides.

Porträt von Johann

Johann

Ich bin, was sie sagen, und noch etwas mehr.

Johann ist 27 und schweigt öfter, als er spricht. Doch wenn er spricht, hört man hin – auch wenn man nicht genau versteht, warum. Seine Vergangenheit in Berlin trägt er locker, als müsse er sich nicht mehr verteidigen.

Seit seinem Einzug in Windbergen lebt er mit Gundrun – in einer dynamischen Beziehung, die zwischen Zärtlichkeit und Theater schwankt. Johann scheint sich zu beugen, aber nie ganz. In seiner Stille schlummert etwas, das noch nicht entschieden ist.

In der Pastorei wird ihm ein neuer Name zugeflüstert: Beate. Eine Rolle. Ein Kostüm. Oder vielleicht etwas, das schon immer da war?

Zwischen Gift und Kristall

Eine alltägliche Unterhaltung

Das vollständige Gespräch ist direkt lesbar.

  1. Gundrun

    Du hast wieder meinen Eau de Cologne benutzt. Du riechst wie ein schlecht gelaunter Möbelverkäufer in Venedig.

  2. Johann

    Dann passt's ja. Du klingst wie eine schlecht gelaunte Operndiva im Ruhestand.

  3. Gundrun

    Ach Johann. Weißt du, was dein Problem ist?

  4. Johann

    Nein, aber ich bin sicher, du wirst es mir gleich literarisch erklären.

  5. Gundrun

    Du bist wie ein leerer Bilderrahmen. Du glaubst, du bist Inhalt, dabei bist du nur Form. Und die ist billig.

  6. Johann

    Wenigstens bin ich keine wandelnde Fußnote aus einem verstaubten Feuilleton.

  7. Gundrun

    Ich betrachte dich als eine Art experimentelle Installation. Leider ohne Konzept.

  8. Johann

    Du beschimpfst mich in Rätseln, damit keiner merkt, wie giftig du eigentlich bist.

  9. Gundrun

    Weißt du, manchmal denke ich, du wärst gern Oscar Wilde.

  10. Johann

    Wer?

  11. Gundrun

    Eben.

  12. Johann

    Dein Tonfall ist so altmodisch wie dein Hemd. Niemand redet mehr so – außer Leuten, die Angst haben, einfach zu sein.

  13. Gundrun

    ‚Einfach' ist etwas für Thermoskannen. Ich bin ein Kristallglas, mein Lieber. Und du – du bist ein lauwarmer Kakao mit Haut.

  14. Johann

    Und du bist ein Theaterstück ohne Publikum. Außer mir. Und ich will gehen.

  15. Gundrun

    Du gehst nie. Du brauchst mich wie eine Pflanze das Gift.

  16. Johann

    Weil du mich vergiftet hast. Langsam. Mit Liedern. Und Drama.

  17. Gundrun

    Drama ist das Einzige, was dich noch lebendig macht. Ohne mich wärst du längst in einem Supermarktregal gelandet – zwischen Kaugummi und Katzenfutter.

Vier Leuchtstücke

„Leuchtstücke aus dem Schattenkabinett"

So sehen die Puppen sie an ihren Spielabenden, wenn die Stimmen leicht sind und der Wind sich versteckt:

weich glühend, still atmend, ganz aus Leben gemacht.

Sie waren lange Dinge. Jetzt sind sie beinahe Wesen.

1 von 4

Der Frosch

Er hört uns zu. Seine Augen glänzen, als hätte er schon alles gesehen. Vielleicht war er früher einer von uns.

Gustel meint, er sieht ein bisschen aus wie Onkel Helmut, nur glänzender.

Zwölf Monate, zwölf Rituale

Zum Spiel

Ein Jahr der Verwandlungen — die Puppen führen dich durch zwölf Monate des Spielens, jeder mit seinem eigenen Ritual und seiner eigenen Wahrheit.

Jeder Monat lässt sich unabhängig öffnen und schließen.

Das Spiel beginntEine Einladung
Dies ist ein Spiel. Kein echtes. Kein falsches. Nur: deins.

Die Puppen sprechen: "Dies ist ein Spiel. Kein echtes. Kein falsches. Nur: deins."

"Du darfst heute Kirschenohrringe tragen oder eine Krawatte aus Seide. Du darfst deine Haare flechten, deinen Bart zeichnen, dich bedecken oder entblößen. Nichts muss. Alles darf."

"Wir schicken eine Inspektorin. Sie prüft, ob du bereit bist. Nicht für Sieg. Sondern für Sichtbarkeit. Nicht für Wahrheit. Sondern für Spiel."

"Denn wer nicht spielt, stirbt im Ernst."

Zieh dich an, wie du dich noch nie gesehen hast. Die Bühne ist bereitet. Der erste Vorhang hebt sich gleich.

JanuarDie Inspektion
Spielbereitschaft ist keine Frage des Geschmacks. Sie ist eine Pflicht.

VORBEREITUNG ZUM SPIEL (Auszug aus dem Protokoll der Puppenordnung)

Datum: beliebig, aber bevorzugt grau. Wetter: kalt, feucht, kein Trost. Kleidung: erlaubt: Strümpfe, Perücken, Schnurrbärte. Emotionen: unklar halten. Ziel: Sichtbarkeit. Aufsicht: Die Inspektorin.

BEOBACHTUNGEN DER INSPEKTORIN:

Der Raum ist vorbereitet.

Die Requisiten sind sichtbar.

Die Figur zeigt Teilnahmebereitschaft.

Die Figur spielt nicht für sich.

Die Figur spielt für den Blick der Anderen.

Die Figur hat ihre Scham korrekt positioniert.

URTEIL DER PUPPEN:

Vorteile: – Sie lernen, dass alles erlaubt ist. – Das Spiel beginnt mit der Enthüllung.

Nachteile: – Wer nicht spielt, bleibt unsichtbar. – Wer sich nicht zeigt, wird ersetzt.

Hinweis: Die Inspektorin stellt keine Fragen. Sie vermerkt.

Empfehlung: Heute noch den ersten Schritt tun.

Warnung: Manche Türen schließen sich ohne Geräusch.

FebruarDie Verwandlung
Heute bist du jemand. Morgen bist du anders. Aber du bist da. Und du wirst gesehen.

Das Karnevalische Protokoll der Puppenordnung (gültig zwischen Faschingsbeginn und dem Schweigen der Glocken)

Feststellung des Tages: Heute ist kein Tag für Eindeutigkeit. Heute ist ein Tag für Rüschen, Rollen und Rotwein.

Beobachtete Erscheinungen:

– Eine dicke Päpstin mit nichts als roten Lackstiefeln.

– Drei Nonnen in Matrosenanzügen mit gezückten Linealen.

– Ein Dominee in schwarzen Strapsen, flüsternd vom "wahren Gehorsam".

– Eine Karnevalsprozession mit Flöten, Tam-Tams, gezuckerten Zungen.

– Sie selbst, errötend hinter einer venezianischen Maske, mit einem falschen Namen auf den Lippen.

Spielanweisung: Zieh an, was du gestern nicht wagtest. Benenn dich, wie du nie genannt wurdest. Lass zu, was nur heute gilt. Geh tanzen, aber in Zickzacklinien.

URTEIL DER PUPPEN:

Vorteile: – Die Verwandlung befreit. – Das Spiel kennt viele Formen, und alle sind erlaubt. – Moral wird weich wie Marzipan.

Nachteile: – Wer bist du, wenn du alles sein darfst? – Wer küsst dich, wenn du kein Gesicht mehr hast?

Hinweis: Der Spiegel lügt heute in Versmaß.

Warnung: Manche Namen bleiben haften, auch nach Mitternacht.

Segen: Wer spielt, gehört dazu.

MärzDas Schlammbad der Formen
Hier gibt's keine Namen. Nur Haut. Nur Rutschen.

Protokoll der Puppen – Dritte Lektion: Spielen ist Versinken.

Sichtungen:

– Bäuche auf Bäuche, schwer und weich.

– Rücken, die keine Richtung mehr kennen.

– Lippen, offen, aber ohne Worte.

– Dreck unter Fingernägeln, an Zähnen, zwischen Zehen.

– Haut, die sich nicht mehr weiß, wem sie gehört.

Wetter: Schlamm. Regen. Klare Sonne wie ein Schlag ins Gesicht.

Spielanweisung: Rolle dich, wenn dich etwas drängt. Drücke dich, wenn du weich wirst. Nimm an, dass du zählst, auch ohne Namen. Halte fest, was glitschig ist.

URTEIL DER PUPPEN:

Vorteile: – Niemand ist schön, und das ist gut. – Alles ist Körper. Alles ist erlaubt. – Lust ist hier, ohne Fragezeichen.

Nachteile: – Die Form löst sich auf. – Keine Richtung, kein Ziel. – Wer du bist, ist jetzt nur noch feucht und warm.

Hinweis: Wer sich wälzt, wird gesehen.

Warnung: Aus dem Modder kehrt man anders zurück.

Segen: Wer fällt, gehört dazu.

AprilDie Hochliturgie des Hasen
Im Anfang war das Ei. Und das Ei war süß.

Heilige Puppenlektion IV: Spielen ist Sakrament.

Ordnung des Spiels:

– Introitus: Drei Glocken aus Marzipan.

– Kyrie: "Schenk uns dein Lachen, oh Langohr!"

– Gloria: Eier werden erhoben.

– Epistel: Der Hase spricht in Zuckerschrift.

– Evangelium: "Nimm und iss – es ist Nougat."

– Wandlung: Der Dominee wird zum Hasen. Oder umgekehrt.

– Kommunion: Jeder erhält ein schmelzendes Ei auf die Zunge gedrückt von einer Hand in Samt.

Sichtungen:

– Ein Altar aus Buttercreme.

– Die Orgel spielt rückwärts.

– Der Kirchenboden klebt.

– Zwei Messdiener in Ballettschuhen, ohne Erklärung.

– Der Chor singt "Halleluja, mein Schokoladenherz!"

EXEGESEN DER PUPPEN:

Segen: – Heiligkeit ist ein Kostüm. Zieh es an. – Jeder darf Hirte sein. Auch mit Ohren. – Struktur schützt vor Verlorengehen.

Gefahr: – Wenn alles erlaubt ist, glaubt man plötzlich wieder. – Rituale wiederholen sich, bis sie leer sind. – Wer glaubt, spielt oft am ernsthaftesten.

Hinweis: Der Hase sieht alles.

Frage: Ist dein Glaube knusprig oder cremig?

Liturgischer Zusatz: Amen, aber mit Zuckerguss.

MaiDie Pastellgesellschaft
Ein Lächeln ist kein Gefühl. Es ist ein Hut, den man trägt.

Puppenlektion V: Spielen ist höflich sein.

Das Spiel beginnt um vier. Dein Kleid ist gebügelt, dein Lächeln geübt. Der Garten wartet: ein Stillleben aus Makronen, Gartenstühle, Porzellantassen. Ein Windhauch trägt das Wort "Zierlichkeit" über den Rasen.

Beobachtungen:

– Limonade in Kristallgläsern, leicht vergoren.

– Ein Junge, zu schön für diesen Ort, lacht zu lange.

– Eine Dame mit Schmetterlingsbrosche sagt: "Wie reizend." Zum sechsten Mal.

– Der Rasen ist so grün, dass es fast beleidigend wirkt.

– Die Puppen tuscheln aus dem Teelichthalter: "Jetzt kommt die Konfettiphilosophie."

Dialogfragmente:

– "Hast du die neuen Servietten gesehen?"

– "Ja, sie weinen Lavendel, nicht wahr?"

– "Was, wenn das ganze Leben ein Gartenspiel ist?"

– "Dann ist mein Herz ein Zuckerkeks."

Segnungen: – Man kann sich hinter Mustern verstecken. – Niemand weint bei hellgelb. – Die Höflichkeit ist eine Burg aus Sahne.

Gefahren: – Niemand meint, was er sagt. – Die Luft ist gesättigt mit Unausgesprochenem. – Wer zu lange in Pastell bleibt, verblasst.

Hinweis: Hinter der Teekanne ruht ein kleiner Schatten.

Frage: Wann hast du zuletzt etwas Hässliches gesagt – mit einem Lächeln?

JuniDas Zungenspiel bei Vollmond
Du spielst allein. Doch wer zuhört, spielt mit.

Puppenlektion VI: Eine blasphämische Sommerliturgie in zwei Stimmen

Der Mond hängt schwer über den Ziegeln, wie ein stiller Bischof mit silbernem Blick. Und unter dem Fenster beginnt das Wispern…

DIE NONNE (kniet vor dem Spiegel, in Nachthemd und Gedanken):

Ich glaube an das Kleid, das ich nicht tragen darf. An das Beben, das kein Gebot kennt. An die Hitze zwischen zwei Gebeten. An die Sprache, die mir nicht gehört, aber sich in meinem Mund wohlfühlt.

DER WOLFMANN (aus dem Schatten unter dem Bett):

Du bist keusch wie ein Kissen voller Flammen. Dein Glaube riecht nach Asche und Geißblatt. Ich höre deine Knie auf dem Teppich. Du betest wie eine Spielerin.

DIE NONNE (leise):

Ich trage kein Höschen, um Gott nicht im Weg zu sein. Ich zähle keine Psalmen, nur meine Atemzüge. Wenn ich spiele, bete ich. Wenn ich bete, spiele ich mit mir selbst.

DER WOLFMANN (schnüffelnd):

So sei es. Ich sehe dich nicht. Aber ich weiß, wie du klingst, wenn dein Glaube in die Kehle sinkt.

DIE NONNE:

Dann bin ich nicht allein.

Die Puppen sind ganz still. Nur ein kleiner Laut – ein Kichern oder ein Seufzer – schleicht sich zwischen ihre Lippen. Sie wissen: Wer so spricht, hat das Spiel verstanden. Im Juni spielt man mit der Zunge – und hört sich selbst zum ersten Mal wirklich zu.

JuliDas Fest ohne Einladung
Nicht jedes Spiel hat Platz für dich.

Puppenlektion VII: Die Musik klingt durch die Hecke. Du nicht.

Es ist Sommerabend, warm wie Honig, leicht wie Lachen. Bunte Lichter schaukeln an Schnüren. Kinder kreischen, Frauen tanzen, Männer singen falsch und laut. Alle sind da. Fast alle.

Du stehst hinter dem Zaun, mit einem Glas, das leer ist. Keiner sieht dich. Oder schlimmer: sie sehen dich – und nicken nur höflich.

Die Puppen sagen nichts. Sie sitzen zu dritt auf einem Ast, mit Papierkronen und klebrigen Fingern. Am Ende der Nacht flüstern sie nur eine Sache, fast unhörbar, in dein Ohr:

"Auch wer nicht mitspielen darf, bleibt Teil der Geschichte."

AugustDas Spiel des Verpuffens
Alles ist endlich, und deshalb muss man es spielen, als wäre es unendlich.

Ein Tanz im warmen Licht. Ein Lächeln, das zu lange hält. Die Puppen sehen zu.

Alles glänzt noch einmal, wie überreifes Obst im letzten Sonnenstrahl. Die Gläser sind leer, aber man prostet weiter. Die Lippen lachen, doch der Blick sucht schon den Ausgang.

Du tanzt, weil du weißt, dass bald keiner mehr spielt. Und wer vergisst, bleibt zurück mit einem Ballon in der Hand, der langsam, langsam die Luft verliert.

"Alles ist endlich.", sagen die Puppen, "und deshalb muss man es spielen, als wäre es unendlich."

Aber wer nicht geht, verpasst den Abschied. Und wer den Abschied verpasst, bleibt zurück in einer Szene, die niemand mehr sieht.

Die Musik ist schon weg, aber dein Kleid glüht noch.

SeptemberDas Spiel des Mitmachens
Alle machen mit. So wie immer. So wie man es macht.

Du trägst, was man trägt. Du sagst, was man sagt. Du lachst, wenn gelacht wird. Nicht zu laut. Nicht zu still. Genau richtig.

Du spielst ein Spiel, aber es steht nirgendwo geschrieben, dass es ein Spiel ist. Du bist dabei. Und das genügt.

Vorteil: Niemand schaut dich schief an.

Nachteil: Du auch nicht.

Die Puppen schweigen. Sie wissen, dass sie hier nicht nötig sind.

OktoberDas Spiel der Nacht
Wenn du dich gibst, gib dich ganz.

In dunklen Sälen tanzen Schatten. Masken, die nicht mehr abgehen. Blicke, die durch Stoffe schneiden.

Ein Flüstern wie Nebel: "Sag nicht Nein, wenn das Ja schon weint."

Du kniest. Nicht weil du musst — sondern weil etwas in dir sich bereits niedergelegt hat.

Ein Spiel? Vielleicht. Aber du kennst die Regeln nicht. Und es gefällt dir.

Vorteil: Du darfst verlieren.

Nachteil: Du willst es vielleicht.

NovemberDas Nebelspiel
Ein Monat ohne Ränder, ohne Kern.

Du wachst auf in einem Zimmer, das du nie betreten hast, mit Stimmen, die deinen Namen fast kennen.

Der Nebel steht in den Fluren, und die Klinke zur Küche erinnert sich nicht mehr an deine Hand.

Das Spiel beginnt leise:

Eine Tasse, die einst wichtig war. Ein Geruch von Apfelkompott. Der Schatten eines Liedes, das niemand mehr singt.

Du greifst danach – und es gleitet durch dich hindurch.

Vorteil: Erinnerungen tauchen auf wie vergessene Briefe in einer alten Schublade.

Nachteil: Je mehr du findest, desto weniger bleibst du.

Du wirst durchzichtig. Du sprichst mit Leuten, die nur du sehen kannst. Und am Ende fragt jemand:

"Warst du überhaupt da?"

Die Puppen sagen nichts. Sie schauen nur. Sie wissen:

Spielst du nicht mit, wirst du Teil des Nebels.

DezemberDie große Bilanz
Ein Raum mit Kerzen. Der Vorhang zittert. Und du bist da.

Die Puppen tragen goldene Schleifen. In der einen Hand: ein Löffel. In der anderen: dein Spielprotokoll.

Sie nicken. Sie erinnern sich an alles.

Januar? Du hast gezögert, geprüft, gespürt. "Du hast dich vorbereitet – das ist mehr, als viele je tun."

Februar? Du hast getanzt, du hast gezittert, du warst sichtbar. "Wir haben dich gesehen," sagen sie. "Du warst schön in deiner Verwirrung."

März? Ein Körper in der Erde, ohne Urteil. "Du hast dich getraut, form- und lustvoll zu sein."

April? Du hast das Osterstück mitgespielt. "Du hast Regeln akzeptiert – und sie gleichzeitig verdächtigt. Gut so."

Mai? Deine Schritte waren leicht, vielleicht zu leicht. "Aber auch Eleganz ist ein Spiel. Und du hast es verstanden."

Juni? Du hast gelauscht. Du hast gewagt. "Nicht jeder hört den Wolf. Aber du hast nicht weggesehen."

Juli? Du warst draußen. Alle anderen feierten. "Du bist geblieben. Du hast gewartet. Auch das ist Teil des Spiels."

August? Du hast gelacht. Du hast gezittert vor Schönheit. "Und wusstest, dass es vergeht. Das macht es wahr."

September? Still. Angepasst. "Aber: Du hast trotzdem gewählt. Und Spielen ist immer besser als Schweigen."

Oktober? Du hast geflüstert in der Dunkelheit. "Du hast gespielt mit Macht. Und dich ihr nicht ganz gegeben."

November? Nebel, Stimmen, verlorene Küchen. "Du warst dort, wo andere fliehen. Das zählt."

Dezember? Du hast dich erinnert. Du hast Bilanz gezogen. "Du hast das Jahr angeschaut – nicht wie ein Richter, sondern wie ein Spieler."

Jede Entscheidung – ein Ornament am Baum. Jede Unsicherheit – eine Glocke, die trotzdem klingt. Jede Verkleidung – ein Geschenkpapier mit Herzschlag.

Dezember ist kein Monat. Es ist ein Blick zurück mit warmem Licht. Ein Trostbrot, gebacken aus Mut. Ein Glanz auf deinen alten Fehlern.

Die Puppen sagen zum Schluss: "Du hast gespielt. Vielleicht nicht immer mutig. Vielleicht nicht immer schön. Aber du warst da."

Und während draußen der Schnee fällt, wird im Innern eine neue Bühne aufgebaut.

„Denn das Spiel ist nie zu Ende. Es wechselt nur den Raum."

Ein Spiel in vier Akten

Der Spiegelabend

„Ein Spiel in vier Akten – mit Liedern"

  1. Akt 1
  2. Akt 2
  3. Akt 3
  4. Akt 4

Akt 1 — Intro

„Willst du mitspielen, kleiner Zuschauer?“

Johann auf dem Sofa

Das Lied muss nicht mehr über zwei Minuten abgespielt werden. Der vollständige Text lässt sich sofort öffnen und in eigenem Tempo lesen.

Liedtext sofort anzeigen

1. Strophe

Gudrun ist raus,

sie schnarcht wie ein Graf.

Ihr Kleid knistert leise —

doch keiner hält brav.

2. Strophe

Wer sitzt denn da,

im Marinegewand?

Johann, Johann —

gib uns deine Hand.

Refrain

Johann ist da,

der Vorhang geht auf.

Er wankt noch ein wenig,

doch nimmt seinen Lauf.

Theodora ruft:

„Er ist schöner, mein Schatz!"

Und wir haben Platz,

auf dem kleinen Matratzz...

Bridge

Nur ein bisschen Tanzen,

nur ein bisschen Spiel.

Nur ein bisschen Spitzenstoff —

was ist daran zu viel?

Finale

Zieh uns an. Zieh dich aus.

Sei nicht schüchtern, kleiner Klaus.

Dreh dich.

Zeig dich.

Verlier dich.