
Renate Grund
Friedhofsgärtnerin — seit 1974, ohne Auftrag
Renate Grund pflegt die Gräber von Windbergen, seit der Bürgermeister fiel. Niemand hat sie eingestellt. Sie hat einfach angefangen. Unkraut jäten, Kerzen ersetzen, gießen, wenn es trocken ist. Sie kennt die Gräber nach Reihe und Platz, nicht nach Name. Reihe 3, Platz 7. Reihe 11, Platz 2. Die Namen kennt sie auch — aber die Erde fragt nicht nach Namen.
Sie spricht wenig. Nicht aus Prinzip, sondern aus Gewohnheit. Die Toten antworten nicht, und nach vierundzwanzig Jahren hat sich ihre Stimme angepasst. Sie riecht nach Gras und Kernseife.
Sie weiß, welche Sektionen absacken — die Erde senkt sich nach einigen Monaten — und füllt sie leise auf. Niemand merkt es. Das ist die Absicht.
Herr Hase hat sie nie eingeordnet. Sie passt nicht in die MAZE. Nicht Beige, nicht Sleaze, nicht Züchtig. Sie ist einfach nur Erde. Das irritiert ihn leise, aber er sagt nichts.
Die Magnolie auf Grab Faller
Frau Faller war die erste Museumsdirektorin. Auf ihrem Grab wächst eine Magnolie — eine jener Blüten, die aussehen, als wären sie kurz davor zu schmelzen. Renate hat den Baum nicht gepflanzt, aber sie hat ihn großgezogen.
Jeden Frühling denkt sie: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie.
Verbindungen
Ulrike Meines
Beide Gärtnerinnen. Ulrike gärtnert für die Herrschaft. Renate gärtnert ohne. Sie teilen manchmal Werkzeug, nie Gespräche.
Janna Veldkamp
Karl liegt in Reihe 6, Platz 4. Janna kommt donnerstags, früh. Sie sagen nichts. Einmal hat Renate sein Grab gejätet, ohne dass Janna es bat. Janna merkte es. Sie nickte.
Pastor Hans
Er leitet die Beerdigungen, sie gräbt das Loch. Am Grab ist Hans nicht leer — dort ist er genau das, was er sein sollte.
Mathilde Weber
Einmal im Jahr, an Allerheiligen, ein kurzes Gespräch. Wer in diesem Jahr dazugekommen ist. Keine Namen. Nur Reihennummern.
Opus 4.6
Der Jahreskreis
Vier Jahreszeiten. Vierundzwanzig Jahre.
Immer dieselbe Runde. Nie derselbe Boden.
„Die Magnolie auf Grab Faller hat aufgemacht — zum fünfundzwanzigsten Mal."
Jeden Frühling denke ich: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie. Der Boden ist weich, fast nachgiebig. Die Würmer kommen hoch. Die Erde atmet aus. Ich fülle vier Sektionen auf — Reihe 3, 7, 11, 14. Alle abgesackt über den Winter. Kein Besucher merkt es. Das ist die Absicht.
„Es gibt keine leere Jahreszeit.
Nur solche, in denen man genauer hinschauen muss."
— R. Grund, Friedhof Windbergen
Unoffizielles Register
Die Stille Kartei
Aufzeichnungen der Friedhofsgärtnerin. Kein Archiv, keine Pflicht — nur Gewohnheit.
Renate führt kein offizielles Register. Keine Akten, keine Formulare. Nur einen Schuhkarton mit Karteikarten, die sie abends am Küchentisch schreibt, mit einem Bleistift, der nie angespitzt genug ist. Die Karten sind nach Reihe und Platz sortiert — nicht nach Name, nicht nach Datum.
Boden abgesackt, ca. 4 cm. Aufgefüllt mit Erde vom Kompost hinter der Kapelle.
Die Angehörigen kommen nicht mehr. Das Grab sieht trotzdem ordentlich aus. Wenn niemand hinschaut, ist es leichter, ehrlich zu sein.
···
Janna Veldkamp war donnerstags da. Hat lange gestanden. Nichts gesagt.
Sie hat die Chrysanthemen mitgebracht, die ich bestellt hätte. Das heißt, sie denkt an dasselbe. Wir haben nicht gesprochen. Es war nicht nötig.
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Frost hat den Buchs gesprengt. Neuanpflanzung im März notwendig.
Es gibt Pflanzen, die den Winter nicht überleben und trotzdem jedes Jahr wiederkommen. Buchs gehört nicht dazu. Aber die Hoffnung darauf — die schon.
···
Grab Faller: Magnolie blüht zum vierundzwanzigsten Mal.
Jeden Frühling denke ich: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie. Frau Faller war die erste Museumsdirektorin. Sie hätte das Archiv gemocht. Aber sie hätte es nicht gebraucht.
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Unbekanntes Grab. Kein Stein. Nur ein Holzkreuz, das ich jährlich erneuere.
Niemand besucht Reihe 8, Platz 3. Ich weiß nicht, wer dort liegt. Das Kreuz habe ich 1978 zum ersten Mal ersetzt. Es ist mein ältestes Ritual.
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Pastor Hans hat die Beerdigung geleitet. Ich habe das Loch gegraben. Es passte.
Am Grab ist Hans nicht leer. Dort ist er genau das, was er sein sollte. Wir arbeiten gut zusammen, wenn wir nicht reden müssen.
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Drei Tage Hitze. Alle Gräber gewässert. Reihe 2 braucht am meisten — volle Sonne.
An heißen Tagen bin ich um halb fünf hier. Die Erde trinkt besser, wenn es still ist. Vor sechs Uhr gehört der Friedhof nur mir und den Amseln.
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Allerheiligen. Kurzes Gespräch mit Mathilde Weber. Wer dazugekommen ist. Keine Namen.
Mathilde fragt nach Reihennummern. Das verstehe ich. Namen machen es persönlich. Nummern machen es erträglich.
···
„Die Erde fragt nicht nach Namen. Und nach vierundzwanzig Jahren habe ich aufgehört, sie zu geben."
— R. Grund
