
Helga Schoppenhauer
Fachverkäuferin für Backwaren & Beobachterin
Helga Schoppenhauer arbeitet seit 1991 in der Windberger Landbäckerei. Ihre äußere Erscheinung ist unauffällig, ihre Wirkung nicht. Kunden erleben sie als sachlich, effizient und selten herzlich. Ihre Augen jedoch – kühl und wachsam – begleiten viele bis nach Hause.
Sie lebt allein, in einer modernen Wohnung mit klaren Linien, glasierter Oberfläche und kontrollierter Stille. In ihrer Freizeit schreibt sie Briefe, mit äußerster Sorgfalt formuliert, oft an Männer, die erst beim dritten Lesen verstehen, dass sie gemeint sind.
Im Jahr 1998 veröffentlichte sie in kleiner Auflage ein Kochheft mit zwölf Rezepten. Manche Leser berichten, das Heft enthalte mehr als nur kulinarische Anleitungen.
„Sie haben sich einmal umgedreht, am Donnerstag, vor dem Marmeladenregal. Ich frage mich seitdem, ob es Zufall war – oder Höflichkeit."
„Ich erwarte keine Antwort. Nur eine Lücke in Ihrem Tagesablauf, in der ich mich wiederfinde. Kurz. Unbemerkt. Und absichtlich."
Helga's Wohnzimmer
„Alles hat seinen Platz. Und jeder Platz seine Bedeutung.“


„Sie mochte den Nachmittag, nachdem jemand gegangen war — wenn noch alles warm von der Anwesenheit war, aber schon ganz ihr gehörte.“
Unter der Haut – Musik für Helga

„Die Musik spricht, was ich nicht sagen kann. Jeder Song ist ein Brief, den ich nie verschickt habe.“

Bernsteinfarbene Vase
Eine schwere Glasvase mit weichem Glanz. Sie steht nie ganz mittig auf dem Tisch.

Dunkler Wein aus Apulien
Kräftig, süß, beinahe klebrig. Sie trinkt ihn langsam, meist nach dem Besuch.

Moosgrünes Sofa
Geradlinig, fest gepolstert, fast streng. Nur ein einziges Kissen, bewusst gewählt.

Designobjekt auf drei Beinen
Ein Zitruspresser aus Aluminium. Für viele nur ein Rätsel. Für Helga ein Spiegel.

Gedrehte Bienenwachskerze
Sie brennt auch tagsüber. Ihr Duft ist kaum wahrnehmbar, aber stetig da.

Schaffell auf Holzstuhl
Weich und einladend. Doch das Fell ist nur Oberfläche – darunter ist Holz.
„In meinem Wohnzimmer steht alles dort, wo es stehen soll. Nichts drängt sich auf, nichts ist zufällig. Jeder Gegenstand beobachtet mit mir — leise, geduldig. Hier schreibe ich, was nicht gesagt wurde. Hier beginne ich Dinge, die nie ganz enden.“
– Helga Schoppenhauer
Helga's Schlafzimmer
„Hier bewahre ich, was niemand sehen soll. Und was doch gesehen werden will.“


„Alles ist bereit. Nichts drängt sich auf. Wer hier sitzt, wird gesehen — auch wenn niemand hinsieht.“
Persönliche Gegenstände
„Hier liegt nichts ohne Grund. Nicht alles ist wichtig — aber alles gehört zu ihr.“

Diskretion erforderlich
„Diese Seite enthält persönliche Gegenstände und Briefe von Frau Schoppenhauer. Der Zugang ist ab einem gewissen Maß an Diskretion empfohlen.“
„Manche Türen öffnen sich nur für die, die verstehen.“
Die Küche
„Rezepte sind wie Erinnerungen — sie schmecken jeden Tag ein bisschen anders“

Januar
Pastinakencremesuppe mit geräucherter Crème fraîche und Fenchel
Still, wie Schnee in einer warmen Küche. Diese Suppe sagt nicht viel – aber sie bleibt.

Zutaten
- 2 mittelgroße Pastinaken (geschält, gewaschen, nicht zu korrekt)
- 1 kleine Kartoffel (mehlig, versteckt)
- 1 kleine Schalotte (nicht schneiden, sondern aufdecken)
- 500 ml Gemüsebrühe (leise gewürzt)
- 100 ml Sahne
- 1 TL Fenchelsamen (leicht zerrieben, nicht zerdrückt)
- 1 Stück Butter
- weißer Pfeffer
- Salz (sparsam – nur für das, was bleiben soll)
- 1 Löffel geräucherte Crème fraîche (zum Schluss – wie ein letzter Satz)
Zubereitung
Zubereitung
- Die Basis: Butter in einem Topf schmelzen, bis sie duftet. Schalotte darin glasig werden lassen — aber nicht weich. Pastinake und Kartoffel dazugeben. Rühren, aber nicht hektisch. Die Wärme soll sich setzen dürfen. Brühe angießen, auf mittlerer Hitze 20 Minuten köcheln lassen.
- Der Schatten: Während die Suppe zieht, Fenchelsamen in der trockenen Pfanne anwärmen. Nur kurz. Sie sollen nicht rösten, nur aufwachen. Dann im Mörser leicht anbrechen. Nicht zermahlen — das Aroma will entweichen, nicht explodieren. Wenn das Gemüse weich ist, fein pürieren. Sahne einrühren. Mit Salz und weißem Pfeffer abschmecken. Fenchelsamen hinzufügen und alles nochmals ganz leicht erwärmen.
Die Bäckerei
„Es ist noch dunkel, wenn ich beginne. Nicht um zu fliehen, sondern um zu fühlen. Der Teig unter meinen Händen ist zäh, trotzig — genau wie ich. Paris kann warten, London ist zu weit. Hier habe ich Mehl, einen Ofen und eine Stille, die nur nach Brot riecht. Und manchmal, wenn niemand hinsieht, drücke ich meinen Daumen in die Mitte des Teigs — nur um sicherzugehen, dass ich noch da bin.“
„Manchmal backe ich auch nachts.
Wenn die Stadt schläft und die
Geschichten am lautesten sind.“
„Um vier Uhr öffnet Helga die Tür. Kein Ritual, einfach Notwendigkeit. Der Ofen kennt ihren Takt, der Boden ihre Schritte. Einige Brote verkauft sie, andere tauscht sie. Gegen verhalen, Erinnerungen, kleine schuldbekenntnisse. Manche flüstern hier, was sie sonst niemandem sagen. Die Torten? Wer sie versteht, darf sie essen. Helga hört zu, aber notiert nichts. Sie urteilt nicht — oder später. Vielleicht. Glauben muss man hier nicht. Nur kauen.“
– Helga Schoppenhauer

Olga in beige Kittelschürze, aufgenommen am Set von „Kaffee, Sahne, Heimlichkeit“ – 1991
Olga Schopenhauer
(Randnotiz)
„Sie sagt, was sie denkt. Ich denke, was ich nicht sagen darf.“
Olga Schopenhauer, Helgas Zwillingsschwester, lebt in Nordenhaus und wurde 1957 geboren. Sie ist größer, lauter, weicher. Kein Geheimnis, kein Korsett. Einst spielte sie in Nachmittagsserien die „kräftige Nachbarin mit Herz“, später in sogenannten Heimat-Erotikfilmen, wo sie – nicht vulgär, sondern verblüffend offen – das Begehren der Alltagskörper verkörperte. Sie wurde geliebt für ihre Direktheit, ihren Humor und ihre Fähigkeit, Männer zum Lachen und Schwitzen zu bringen.
Helga spricht nicht über sie.
„Sie lacht einfach. Ich kontrolliere. Sie isst Sahnetorte. Ich rechne Kalorien. Sie nennt mich ‘die Strenge mit den schönen Knien’.“
– Helga, beim Anblick eines alten Covers mit Olga in Dirndl und Strapse
„Ich habe keine Angst vor dem Dicksein. Nur vor der Weichheit.“
– Helga, im Flüsterton (während des Aufbackens der Hörnchen)
Beide sind scharfzüngig, stur und lassen sich von niemandem beiseiteschieben. Aber Olga meint, was sie sagt. Helga kalkuliert, was sie nicht sagen kann.
Beiges Zitat – Olga über das Leben:
„Ich bin nicht dick. Ich bin großzügig verteilt.“

